Weiße Traun – Rote Traun

Ein Kunstprojekt von Helmut Mühlbacher

In diesem Kunstprojekt wird nicht gemalt und nicht plastisch geformt und das Ergebnis ist nicht in einer konventionellen Ausstellung zu präsentieren. Das Kunstprojekt „Weiße Traun – Rote Traun“ des Traunsteiner Künstlers Helmut Mühlbacher lässt sich am ehesten dem Bereich der Konzeptkunst zuordnen. Die Weiße und die Rote Traun sind zwei kleine Flüsse, die sich kurz hinter der Gemeinde Siegsdorf zur Traun vereinigen. Die unterschiedliche Färbung der Gewässer kann man bereits aus den Namen herauslesen, die einmal die Prägung durch das eher helle Gestein der nördlichen Kalkalpen und einmal die Herkunft aus einem moorigen Quellgebiet widerspiegeln. Diesem kleinen oder, je nach Sichtweise, großen Ausschnitt aus der Wirklichkeit galt die künstlerische Aufmerksamkeit von Helmut Mühlbacher über einen Zeitraum von mehr als einem Jahr. Weder wollte er ein nachahmendes Abbild der Natur schaffen, indem er zu Farbe und Pinsel griff, noch lag ihm daran, ein kurzzeitiges dekoratives Seherlebnis zu schaffen, indem er die beiden sich vereinigenden Flüsse mit unbedenklichen organischen Farbstoffen (Ziegelmehl und Sägemehl Untersberger Marmor) entsprechend ihrer Namensgebung und Grundtönung einzufärben vorhatte.

In der jüngeren Kunstgeschichte finden sich – diese seien exemplarisch herausgegriffen – zwei wegweisende Beispiele für das künstlerisch motivierte Einfärben von Gewässern. Dem Bereich der Natur-Kunst, einer Variante der Land-Art, zugeordnet, sind die Foto- und Filmerzeugnisse, die von Andy Goldsworthys Färbeaktionen an entlegenen Flussläufen stammen. Bei dem in größter Einsamkeit agierenden Goldsworthy ist das künstlerische Ziel ein dekoratives Bild, das sein emotionales, auf Demut und Bewunderung beruhendes Verhältnis zur Natur wiederspiegelt und das er einem nach Sinn strebenden (westlichen) Publikum zur Verfügung stellt. Seinem künstlerischen Ansatz liegt eine uneingeschränkt positive Bewertung für die Gesetze und Erscheinungsweisen der Natur zugrunde, was das tendenziell Pathetische seiner Arbeiten erklärt. Aber genau diesem Umstand verdankt Goldsworthy seine Popularität, denn die Fotos, die Einheits- und Vergänglichkeitserfahrungen leicht und ohne besonderes Risiko konsumierbar machen, stillen die Sehnsüchte eines Publikums, das sich in seiner alltäglichen, naturfernen Realität mehr und mehr entwurzelt fühlt.

Ein anderes, geradezu konträres Extrem lässt sich beim Dänen, isländischer Herkunft, Olaf Eliasson finden, der auf kommunalen oder privaten Auftrag hin beliebige Gewässer in ein sattes, aber unnatürlich wirkendes Grün färbt und dies sehr spektakulär in Szene setzt. Er verwendet, - im Gegensatz zu Goldsworthy, der ausschließlich Materialen aus der Natur einsetzt, - Uranin, ein käufliches und zugelassenes Mittel zur Färbung von Wasser, das in der Geologie oder in der Untersuchung von Wasserwegen und auch Rohrbrüchen Verwendung findet. Das Vorhaben seiner großflächigen Färbeaktionen wird nicht publik gemacht, so dass der Passant/der Betrachter überrascht wird. Eliasson unterwirft die Natur, indem er mit einem analytisch-technischen Ansatz und mit großem logistischem Aufwand sein künstlerisches Vorhaben umsetzt. Er überwältigt auch den nicht eingeweihten Betrachter, der zwischen Erschrecken, weil er eine Umweltkatastrophe vermutet, und Faszination des technisch Machbaren schwankt.

Das Kunstprojekt „Weiße Traun – Rote Traun“ von Helmut Mühlbacher war von Anfang an darauf angelegt, dass nicht nur die örtlichen Gegebenheiten, angefangen bei Gesteins- und Wasseranalysen bis zu Pegelstandsmessungen zu verschiedenen Jahreszeiten und Witterungsverhältnissen, geprüft und ausgewertet, sondern dass auch entsprechende Fachleute, Behörden und die unterschiedlichsten Interessensvertreter nach und nach in das Kunstprojekt mit einbezogen werden. Das Leitthema „Inklusion“ der Oberbayerischen Kultur- und Jugendkulturtage war durch diese Vielfalt an Beteiligten konkret verwirklicht. Zumal die abschließende Färbeaktion selbst durch Bürgerinnen und Bürger bewerkstelligt werden sollte, so dass es sich bei den ausführenden Akteuren und den Betrachtern um einen identischen Personenkreis handelt. Der Prozesscharakter und die werkkonstituierende Rolle von „kunstfernem“ Personal sowie ein Verzicht auf die reine Visualität und die subjektive Expression sind die entscheidenden konzeptuellen Merkmale des Kunstprojektes „Weiße Traun – Rote Traun“. Der Künstler tritt völlig zurück hinter die aktions- und prozessorientierte Praxis, die er an den Verbindungslinien zwischen Kunst, Alltag, Ökologie und Politik initiiert hat. Den Prozess und auch den Ausgang des Prozesses will und kann der Künstler dabei nicht steuern und beeinflussen; sichtbar gemacht hat er dennoch etwas Entscheidendes, da er Erkenntnisse, Verfahrenweisen, ökologische und politische Zusammenhänge und Abläufe dokumentiert und damit transparent und nachvollziehbar der Öffentlichkeit zur Verfügung stellt. Und der Künstler damit letztlich doch wieder eine der wichtigsten Aufgaben der Kunst erfüllt, die darin liegt, den Blick auf die Komplexität der Wirklichkeit zu schärfen.

Judith Bader M.A., Leiterin Städtische Galerie Traunstein